Asyl in Großbritannien: Voraussetzungen und vollständige Schritte (Leitfaden 2026)

Wichtiger rechtlicher Hinweis: Dieser Leitfaden dient ausschließlich der Information und Aufklärung und beruht auf langjähriger Praxiserfahrung in der Flüchtlingsberatung im Vereinigten Königreich. Das asylrechtliche Umfeld in Großbritannien ist extrem komplex und ändert sich sehr schnell, insbesondere durch den Illegal Migration Act und die geplanten Abschiebungen nach Ruanda. Dieser Artikel ist kein Ersatz für eine individuelle Beratung durch einen spezialisierten Anwält*in für Migrationsrecht. Wenn Ihnen Haft oder Abschiebung droht, holen Sie sich sofort qualifizierte Rechtsberatung oder Unterstützung durch spezialisierte Organisationen. Zum Vergleich mit anderen europäischen Asylsystemen siehe Asyl in Deutschland: Voraussetzungen und vollständige Schritte und Asyl in Frankreich: Voraussetzungen und vollständige Schritte.
Asyl in Großbritannien: Voraussetzungen und vollständige Schritte (Leitfaden 2026)
1. Einleitung: Großbritannien – ein Traum, der schwieriger geworden ist
Viele Jahre lang war das Vereinigte Königreich das Traumziel zahlreicher arabischer Asylsuchender. Die weit verbreitete englische Sprache, die kulturelle Vielfalt in Städten wie London und Birmingham und ein flexibler Arbeitsmarkt wirkten stark anziehend.
Doch sprechen wir offen und realistisch: Großbritannien ist heute nicht mehr das Land, das es einmal war.
Nach dem Brexit und der Einführung immer strengerer Migrationspolitik, die im Illegal Migration Act gipfelte, ist der Weg zum Asyl im Vereinigten Königreich zu einem rechtlich und praktisch riskanten Pfad geworden. Die Herausforderung besteht nicht mehr nur darin, das Home Office von Ihrer Geschichte zu überzeugen; die erste Frage lautet inzwischen: Wie sind Sie hierher gekommen – und werden Sie nach Ruanda abgeschoben, noch bevor Ihr Antrag überhaupt geprüft wird?
Dieser Leitfaden erklärt Schritt für Schritt die Voraussetzungen, die komplizierten Abläufe, Ihre Rechte und die reale Situation bei einer Einreise nach Großbritannien im Jahr 2026. Für eine detaillierte Ablaufbeschreibung – von der Ankunft bis zur Entscheidung – lesen Sie zusätzlich Asylantrag im Vereinigten Königreich – Schritt für Schritt.
2. Wer darf in Großbritannien Asyl beantragen? (Grundvoraussetzungen)
Das britische Innenministerium (Home Office) gewährt Schutz nicht aus Mitgefühl, sondern auf Grundlage strenger nationaler und internationaler Verpflichtungen. Es gibt drei Hauptformen des Schutzes:
2.1 Flüchtlingsschutz nach der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951
Sie erhalten diesen Status, wenn Sie sich außerhalb Ihres Herkunftslandes befinden und eine „begründete Furcht vor Verfolgung“ haben, und zwar aus einem der folgenden fünf Gründe:
- Rasse
- Religion
- Nationalität
- politische Überzeugung (tatsächlich oder von den Behörden nur unterstellt)
- Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe (z. B. Minderheiten, LGBT‑Personen oder Frauen, die von Ehrenmord oder Genitalverstümmelung bedroht sind)
2.2 Humanitärer Schutz
Wenn Sie die engen Kriterien der Genfer Konvention nicht erfüllen, Ihre Rückkehr Sie aber einem realen und schwerwiegenden Risiko aussetzen würde:
- der Todesstrafe
- Folter oder unmenschlicher bzw. erniedrigender Behandlung
- einer ernsthaften individuellen Bedrohung Ihres Lebens infolge eines innerstaatlichen oder internationalen bewaffneten Konflikts (z. B. in einem Bürgerkrieg)
2.3 Aufenthalt aus humanitären oder familiären Gründen (Discretionary / Family Leave)
Dieser wird nur in sehr seltenen Ausnahmefällen erteilt – etwa wenn Sie die hauptverantwortliche Betreuungsperson eines britischen Kindes sind oder an einer lebensbedrohlichen Erkrankung leiden, die eine Abschiebung praktisch unzumutbar machen würde.
2.4 Wer ist grundsätzlich vom Asyl ausgeschlossen? (kritische Ausschlussgründe)
- Liste sicherer Herkunfts‑ oder Drittstaaten (Safe Third Country / Safe Origin): Großbritannien stuft zahlreiche Staaten als „sicher“ ein (z. B. Indien, Pakistan, teilweise Ägypten, Albanien). Kommen Sie aus einem solchen Land, sind Ihre Chancen nahezu null; Ihr Antrag kann als „offensichtlich unbegründet“ eingestuft werden.
- Personen, die schwere Straftaten oder Kriegsverbrechen begangen haben.
- Personen, die durch einen „sicheren Drittstaat“ gereist sind: (diesen sehr wichtigen Punkt erläutern wir im nächsten Abschnitt).
3. Einreise nach Großbritannien: Wege und Folgen (unbedingt sorgfältig lesen)
Im aktuellen System entscheidet die Art Ihrer Einreise weitgehend über das Schicksal Ihres Antrags.
3.1 Legale Einreise (mit Visum)
Wenn Sie mit einem gültigen Visum (Tourismus, Studium, Arbeit) einreisen und erst danach im Land Asyl beantragen, wird Ihr Antrag grundsätzlich geprüft.
- ⚠️ Das Risiko: Die Behörden wollen wissen: „Wenn Sie verfolgt wurden, wie konnten Sie dann Pass und Visum von Ihrem Staat erhalten?“ Sie brauchen dafür eine sehr überzeugende Erklärung (z. B. Bestechung, Flucht mit offiziellen Papieren und spätere Lossagung vom Regime).
3.2 Irreguläre Einreise
Überfahrt im Schlauchboot über den Ärmelkanal, Versteck in einem LKW oder Einreise mit gefälschtem oder geliehenem Pass.
- Illegal Migration Act: Dieses Gesetz gibt dem Home Office ausdrücklich das Recht, Asylanträge von Personen, die irregulär eingereist sind und zuvor einen „sicheren Staat“ wie Frankreich oder Belgien durchquert haben, gar nicht zu prüfen.
- Was passiert dann? Anstatt Ihren Fall inhaltlich zu bewerten, kann der Antrag als „inadmissible“ (unzulässig) eingestuft werden. Sie können in Abschiebehaft genommen werden – mit dem Ziel, Sie in Ihr Herkunftsland (falls als sicher angesehen) oder in einen „sicheren Drittstaat“ abzuschieben.
3.3 Der Ruanda‑Plan
Dies ist das Damoklesschwert über den Köpfen vieler Neuankömmlinge.
- Grundidee: Wer irregulär einreist, kann nach Ruanda (in Ost‑ bzw. Zentralafrika) ausgeflogen werden.
- Kehren Betroffene nach Großbritannien zurück? Nein. Nach der Abschiebung nach Ruanda wird Ihr Asylantrag dort geprüft. Erhalten Sie Schutz, bleiben Sie in Ruanda – eine Rückkehr nach Großbritannien ist nicht vorgesehen.
- Aktuelle Lage: Trotz gerichtlicher Auseinandersetzungen hat die britische Regierung die nötige Gesetzgebung verabschiedet und mit dem Ausbau entsprechender Haftzentren begonnen.
⚠️ Ernste Warnung: Wenn Sie darüber nachdenken, von Frankreich aus mit einem Boot nach Großbritannien überzusetzen, müssen Sie sich bewusst sein, dass 2026 ein reales rechtliches Risiko besteht, in Haft genommen und in einen afrikanischen Staat abgeschoben zu werden.
4. Erster Schritt: Registrierung und Screening‑Interview
Angenommen, Sie sind angekommen und möchten ein Asylverfahren starten.
4.1 Wie registriert man den Asylantrag?
- Bei Ankunft an einem Hafen oder Flughafen: Sagen Sie der Grenzbeamtin bzw. dem Grenzbeamten sofort: „I want to claim asylum.“
- Wenn Sie sich bereits im Land befinden: Rufen Sie die Asylum Intake Unit in Croydon (bei London) an und vereinbaren Sie einen Termin, um persönlich zu erscheinen und Ihren Asylantrag zu registrieren. Für einen detaillierten Ablauf siehe Asylantrag im Vereinigten Königreich – Schritt für Schritt.
4.2 Das Screening‑Interview
Dies ist nicht das ausführliche Interview zu Ihrer Verfolgungsgeschichte. Es dient vor allem dazu:
- Ihre Fingerabdrücke abzunehmen und mit Straf‑ und EU‑Datenbanken zu vergleichen,
- ein Foto von Ihnen aufzunehmen,
- Basisdaten zu erfassen: Name, Staatsangehörigkeit, Religion, genaue Reiseroute (Schritt für Schritt von Ihrem Herkunftsland bis Großbritannien), Gesundheitszustand.
4.3 Welche Unterlagen erhalten Sie danach?
- ARC (Application Registration Card): Plastikkarte mit Foto und Home‑Office‑Aktenzeichen. Bewahren Sie diese Karte stets bei sich auf – sie ist Ihr vorläufiger Ausweis.
- BAIL 201: Dokument, das die Bedingungen Ihres vorläufigen Aufenthalts im Vereinigten Königreich festlegt.
5. Zweiter Schritt: Haft oder Freilassung? (Detention vs. Bail)
Nach dem Screening‑Interview wird eine entscheidende Grundentscheidung getroffen:
5.1 Abschiebehaft (Immigration Detention)
Sie können direkt in einem gesicherten Fahrzeug in ein Immigration Removal Centre (IRC) gebracht werden, z. B. nach Brook House oder Yarl’s Wood.
- Wer wird typischerweise inhaftiert? Alleinstehende Erwachsene, die irregulär eingereist sind, Personen mit vermeintlich „offensichtlich unbegründeten“ Anträgen oder Menschen mit bestehendem Abschiebungsbescheid.
- Dauer: Es gibt in Großbritannien keine gesetzliche Höchstdauer für die Abschiebehaft. Sie können Wochen oder Monate inhaftiert bleiben.
5.2 Freilassung auf Immigration Bail
Viele Einzelpersonen und die meisten Familien werden – zumindest vorläufig – freigelassen, allerdings unter strengen Auflagen:
- Sie müssen an der vom Home Office zugewiesenen Adresse wohnen (ein Wechsel ist nur mit Genehmigung möglich).
- Sie müssen sich regelmäßig bei der Polizei oder einer Einwanderungsbehörde melden (reporting), oft wöchentlich oder monatlich.
- Arbeiten ist grundsätzlich verboten.
6. Dritter Schritt: Leben im Wartestand (Leistungen und Unterkunft)
Die Bearbeitungszeiten in Großbritannien sind sehr lang; die Rückstände umfassen zehntausende Fälle. Wie können Sie in dieser Zeit überleben?
6.1 Asylum Support – Section 95
Wenn Sie kein eigenes Einkommen haben, können Sie beim Home Office Unterstützung beantragen. Diese besteht meist aus:
- Unterkunft: Sie können den Ort nicht wählen. Sie können z. B. in einem Hotel in London oder in einer Gemeinschaftsunterkunft in einem abgelegenen schottischen Dorf untergebracht werden. Die Unterkünfte sind meist sehr einfach und werden von privaten Firmen (z. B. Serco) betrieben.
- Finanzielle Unterstützung: Sie erhalten eine ASPEN‑Karte, die wöchentlich aufgeladen wird.
- Höhe: etwa 49,18 £ pro Woche für eine erwachsene Person (bei Selbstverpflegung). Damit sollen Lebensmittel, Kleidung und Hygieneartikel bezahlt werden – angesichts der Lebenshaltungskosten in Großbritannien ein sehr niedriger Betrag.
- Wenn Sie in einem Hotel mit Vollverpflegung wohnen, erhalten Sie oft nur etwa 8 £ pro Woche.
6.2 Gesundheit (NHS)
Als Asylsuchende*r haben Sie Anspruch auf kostenlose Behandlung durch den National Health Service (NHS). Sie können sich bei einer Hausarztpraxis (GP) in Ihrer Umgebung anmelden, die Sie medizinisch versorgt und grundlegende Medikamente kostenlos verschreibt.
6.3 Bildung
Kinder von Asylsuchenden dürfen die staatlichen Schulen kostenlos besuchen (im Allgemeinen von 5 bis 16 Jahren).
6.4 Recht zu arbeiten
Arbeit ist grundsätzlich verboten. Sie dürfen während der Prüfung Ihres Asylantrags nicht arbeiten.
- Seltene Ausnahme: Wenn 12 Monate seit Antragstellung vergangen sind und die Verzögerung beim Home Office liegt, können Sie eine Arbeitserlaubnis beantragen. Selbst wenn diese erteilt wird, ist die Beschäftigung meist auf Berufe beschränkt, die auf der „Shortage Occupation List“ stehen (Engpass‑ und Fachberufe).
- ⚠️ Warnung: Wenn Sie bei illegaler Arbeit ertappt werden, drohen sofortige Inhaftierung und Abschiebung.
7. Vierter Schritt: Die Hauptanhörung (Substantive Interview) – der entscheidende Tag
Nach vielen Monaten erhalten Sie in der Regel eine Einladung zum substantive interview – Ihrer zentralen Anhörung vor dem Home Office.
7.1 Vorbereitung (suchen Sie sich unbedingt rechtliche Hilfe)
In Großbritannien sollten Sie zu dieser Anhörung niemals ohne anwaltliche Beratung erscheinen.
- Legal Aid: Wenn Sie kein Geld haben, können Sie Anspruch auf einen durch Legal Aid finanzierten Rechtsbeistand haben. Eine gute Anwältin bzw. ein guter Anwalt kann den Unterschied zwischen Bleiben und Abschiebung ausmachen.
7.2 Ablauf der Anhörung
- Die Anhörung dauert häufig 3 bis 6 Stunden – vor Ort oder per Video.
- Anwesend sind ein Caseworker des Home Office, eine Dolmetscherin bzw. ein Dolmetscher (oft telefonisch zugeschaltet) und eventuell Ihr Rechtsbeistand als Beobachter*in.
- Ihre Geschichte wird im Detail hinterfragt: genaue Daten, Farben, geografische Einzelheiten und mögliche Widersprüche zwischen Ihren Angaben jetzt und beim Screening‑Interview.
7.3 Wichtige Tipps für das britische Interview
- Achten Sie auf die Dolmetschung: Wenn Sie den Dialekt desder Dolmetscherin schlecht verstehen, unterbrechen Sie die Anhörung sofort und sagen Sie: „I cannot understand the interpreter.“ Setzen Sie das Interview nicht fort – jedes Wort wird protokolliert und kann später gegen Sie verwendet werden.
- Nehmen Sie nichts als bekannt an: Wenn Sie sagen: „Ich bin geflohen, weil die Huthis meine Region übernommen haben“, gehen Sie nicht davon aus, dass die Sachbearbeiterin genau weiß, wer die Huthis sind oder wie sie Menschen behandeln. Erklären Sie, was Ihnen persönlich passiert ist.
- Strenge Ehrlichkeit: Das Home Office verfügt über sehr detaillierte Länderinformationen (CPIN‑Berichte) über Regionen in aller Welt. Unplausible Behauptungen zur politischen Lage oder Geografie führen schnell dazu, dass Ihr Antrag wegen mangelnder Glaubwürdigkeit abgelehnt wird.
8. Fünfter Schritt: Die Entscheidung (mögliche Ergebnisse)
Wochen oder Monate nach der Anhörung erhalten Sie einen Brief, der über Ihre Zukunft entscheidet.
1. Anerkennung als Flüchtling (Refugee Status)
- Bedeutung: Sie werden als Flüchtling im Sinne der Konvention anerkannt.
- Dauer: Sie erhalten zunächst eine Aufenthaltserlaubnis und Arbeitserlaubnis für 5 Jahre (Biometric Residence Permit – BRP).
- Rechte: Recht zu arbeiten, eine eigene Wohnung anzumieten, Sozialleistungen wie Universal Credit zu beantragen und ein britisches Reisedokument zu erhalten.
- Nach 5 Jahren können Sie einen Antrag auf unbefristete Niederlassung (Indefinite Leave to Remain – ILR) stellen. Zwölf Monate nach Erhalt der ILR können Sie die britische Staatsangehörigkeit und einen britischen Pass beantragen – oder, wenn Sie langfristig über einen Umzug in ein anderes EU‑Land nachdenken, verschiedene Wege in Europa miteinander vergleichen.
2. Humanitärer Schutz
- Dauer: In der Regel ebenfalls 5 Jahre Aufenthalt.
- Rechte: Im Wesentlichen ähnlich wie beim Flüchtlingsstatus, allerdings mit teils strengeren Regeln beim Familiennachzug und einem anderen Reisedokument (Certificate of Travel statt Refugee Travel Document).
3. Ablehnung des Asylantrags
- Das Ablehnungsschreiben ist oft sehr lang (bis zu 20 Seiten). Es legt detailliert dar, warum Ihnen nicht geglaubt wird oder warum Sie aus Sicht des Home Office in einer anderen Region Ihres Landes sicher leben könnten (interne Fluchtalternative).
- Was tun? Nicht in Panik geraten. Viele Fälle werden zunächst abgelehnt, später aber im Rechtsmittelverfahren gewonnen. Für die praktischen Schritte des Rechtsmittels siehe Asylantrag im Vereinigten Königreich – Schritt für Schritt.
9. Sechster Schritt: Rechtsmittel vor dem Gericht
Bei einer Ablehnung können Sie vor dem First‑tier Tribunal (Immigration and Asylum Chamber) Berufung einlegen – ein unabhängiges Gericht.
- Strenge Frist: Sie haben in der Regel nur 14 Tage ab Zustellung der Entscheidung, um Berufung einzulegen. Versäumen Sie diese Frist, kann Ihre Abschiebung sehr schnell eingeleitet werden.
- Rolle desder Anwältin: Nehmen Sie sofort Kontakt auf. Ihr Rechtsbeistand formuliert die „Grounds of Appeal“ (
10. Was, wenn alle Rechtsmittel scheitern? (Ende des Weges)
Wenn alle Rechtsmittel ausgeschöpft sind und Ihr Fall endgültig abgelehnt wurde (Appeal Rights Exhausted – ARE):
- Einstellung der Leistungen: Finanzielle Unterstützung und Unterkunft enden in der Regel innerhalb von 21 Tagen.
- Haft‑ und Abschieberisiko: Sie können bei jedem Meldetermin oder auch bei Kontrollen jederzeit inhaftiert und zwangsweise abgeschoben werden.
- Neuer Asylantrag (Fresh Claim): Dies ist das letzte Auffangnetz. Wenn Sie neue, bislang nicht vorgelegte Beweise erhalten (z. B. ein neues medizinisches Gutachten oder ein aktuelles Urteil in Ihrem Herkunftsland), können Sie weitere Unterlagen einreichen, die als „fresh claim“ gewertet werden können.
- Freiwillige Rückkehr: Sie können mit den Behörden eine freiwillige Ausreise in Ihr Herkunftsland vereinbaren; teilweise gibt es finanzielle Unterstützung zur Reintegration (in manchen Programmen bis zu ca. 3.000 £).
11. Familiennachzug in Großbritannien
Der Familiennachzug gehört zu den schmerzlichsten Punkten des britischen Systems:
- Wer darf Familie nachholen? Grundsätzlich nur Personen mit Flüchtlingsstatus oder humanitärem Schutz.
- Welche Familienangehörigen sind berechtigt? In der Regel Ehepartnerinnen bzw. Lebenspartnerinnen und minderjährige Kinder (unter 18 Jahren), sofern sie bereits vor der Flucht Teil der Kernfamilie waren.
- Eltern und Geschwister? Ein Nachzug von Eltern oder volljährigen Geschwistern ist nur in extremen Ausnahmefällen möglich und erfordert den Nachweis einer nahezu vollständigen Abhängigkeit.
- Unbegleitete Minderjährige: In Großbritannien können geflüchtete Kinder, die ohne Eltern eingereist sind, ihre Eltern in der Regel nicht im Rahmen des Familiennachzugs nachholen – anders als in Ländern wie Deutschland oder Frankreich. Das führt zu schweren menschlichen Tragödien.
12. Häufige Fehler, die Asylanträge in Großbritannien zerstören
Achten Sie auf diese typischen Fehler, die bei abgelehnten Anträgen immer wieder vorkommen:
- Soziale Medien: Das Home Office kann Ihre Profile auf Facebook, Instagram oder TikTok prüfen. Behaupten Sie politische Verfolgung, während Ihre Accounts voller Urlaubs‑ und Partyfotos aus Ihrem Heimatland sind, schadet das Ihrer Glaubwürdigkeit massiv.
- Reisepass vernichten: Viele glauben, sie müssten ihren Pass bei der Ankunft verbrennen oder wegwerfen. Das bewusste Zerstören von Dokumenten (u. a. unter Section 8 des Asylum and Immigration (Treatment of Claimants, etc.) Act) kann jedoch als starkes Indiz gegen Ihre Glaubwürdigkeit gewertet werden.
- Wichtige Angaben zunächst verschweigen: Manche Betroffene erwähnen erlittene Folter oder sexualisierte Gewalt aus Scham nicht im ersten Interview und bringen dies erst später vor. Das Home Office kann dies als „nachträglich erfundene“ Geschichte ansehen und die Glaubwürdigkeit insgesamt verwerfen.
- Post nicht lesen oder Adresse nicht melden: Wer Briefe des Home Office ignoriert oder Adressänderungen nicht meldet, riskiert, dass das Verfahren als zurückgezogen gilt (withdrawn) – mit dem Verlust aller Ansprüche.
13. Fazit: Lohnt sich Großbritannien noch?
Ein Asylantrag in Großbritannien ist längst nicht mehr nur eine Suche nach einem besseren Leben, sondern ein harter rechtlicher und psychischer Überlebenskampf. Das System ist bewusst als „hostile environment“ angelegt, um Neuankünfte zu reduzieren.
Dennoch: Haben Sie einen tatsächlich gut begründeten Fall, fliehen Sie wirklich vor Tod oder Haft und bleiben Sie geduldig und ehrlich, sind die britischen Gerichte nach wie vor vergleichsweise unabhängig und können fair entscheiden. Tausende Geflüchtete gewinnen jährlich ihre Verfahren und erhalten die Chance, ein würdiges, sicheres Leben in einer vielfältigen Gesellschaft aufzubauen.
Mein wichtigster Rat: Holen Sie sich Ihre Informationen nicht bei Schleusern oder aus Spekulationen in Cafés. Das Recht hier ist so komplex wie höhere Mathematik; ein falscher Satz kann Ihre Abschiebung bedeuten. Suchen Sie einen qualifizierten Rechtsbeistand und seien Sie ihm bzw. ihr gegenüber vollständig ehrlich.
Frage an Sie: Denken Sie darüber nach, in Großbritannien Asyl zu beantragen, oder warten Sie bereits auf eine Entscheidung? Wovor haben Sie im neuen System am meisten Angst? Schreiben Sie Ihre Fragen – vielleicht können wir Sie an eine geeignete Beratungsstelle verweisen.
14. Kurze, wichtige FAQ
-
Darf ich während meines Asylverfahrens in Großbritannien arbeiten?
Nein. Erwerbsarbeit ist grundsätzlich verboten. Sie können höchstens ehrenamtlich und unbezahlt in registrierten Wohltätigkeitsorganisationen mithelfen. -
Was soll ich tun, wenn ich direkt bei der Ankunft am Flughafen oder Hafen in Haft genommen werde?
Bitten Sie sofort darum, mit einer Unterstützungsorganisation wie Bail for Immigration Detainees (BID) zu sprechen, und verlangen Sie Kontakt zu einer*einem Duty Solicitor im Haftzentrum, um Ihren Asylantrag zu stellen und Bail zu beantragen. -
Schadet mir ein Fingerabdruck in Griechenland oder Spanien nach dem Brexit im britischen Verfahren?
Großbritannien ist nicht mehr Teil des Dublin‑Systems, kann Sie also nicht mehr so leicht in EU‑Staaten zurückschicken wie früher. Durch das neue Migrationsrecht kann Ihre Durchreise durch Europa jedoch genutzt werden, um Ihren Antrag als unzulässig einzustufen und eine Abschiebung nach Ruanda anzustreben. -
Was ist der Unterschied zwischen ILR und der britischen Staatsangehörigkeit für Flüchtlinge?
Nach 5 Jahren mit Flüchtlingsstatus können Sie ILR (unbefristete Niederlassung) beantragen. Zwölf Monate nach Erhalt der ILR können Sie sich um die britische Staatsangehörigkeit und einen britischen Pass bemühen – ein teurer Schritt, der Sprach‑ und „Life in the UK“‑Test voraussetzt.
15. Wichtige offizielle Informationsquellen
- Britische Regierung – Asylseite:
www.gov.uk/claim-asylum - Refugee Council (UK): Informationen in mehreren Sprachen –
www.refugeecouncil.org.uk - Migrant Help (Unterkunft und Leistungen): kostenlose Hotline rund um die Uhr –
www.migranthelpuk.org - Suche nach Legal‑Aid‑Beratung:
find-legal-advice.justice.gov.uk - BID – Bail for Immigration Detainees:
www.biduk.org
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